Vom Medikament zur Droge
Amphetamin - auch bekannt als
„Speed“ oder „Pep“ -gehört in Deutschland zu den Betäubungsmitteln,
deren Anwendung stark kontrolliert wird. Doch das war nicht immer so.
In den 1930er Jahren wurde die künstlich hergestellte Droge erstmals
als Medikament gegen Asthma vermarktet. Es sollte ein Ersatz sein für
das natürliche Ephedrin, das aus der seltenen Ephedra-Pflanze gewonnen
wird. Als nicht verschreibungspflichtiges Medikament war Amphetamin
unter dem Markennamen „Benzedrin“ so leicht zugänglich wie Aspirin.
Auch das später synthetisierte noch stärker wirkende Methamphetamin war
als „Pervitin“ frei erhältlich. Heute wird für Methamphetamin auch der
Slangname „Crystal“ verwendet. Im zweiten Weltkrieg wurden große Mengen
von Amphetaminen hergestellt und vorwiegend von Soldaten konsumiert, um
länger wach bleiben zu können. Erst als offensichtlich wurde, dass
Amphetamine ein hohes Abhängigkeitspotential besitzen, wurden Verkauf
und Verordnung von Amphetaminen weltweit beschränkt.
Verschiedene Abwandlungen von Amphetamin werden derzeit noch als Medikament verschrieben, beispielsweise Ritalin
mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Dieses Medikament wird zur Behandlung
des Aufmerksamkeitsdefizits-und Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) und bei
der Narkolepsie eingesetzt. Der Konsum von Amphetaminen ohne
medizinische Indikation gilt heute als illegal, wird aber dennoch von
einigen zumeist jungen Erwachsenen betrieben. Repräsentativen
Erhebungen zufolge haben im Jahr 2006 2,6 Prozent der 18- bis
24-Jährigen Deutschen in den letzten 12 Monaten Amphetamine konsumiert.
In der Regel werden „Speed“ oder „Crystal“ gesnieft, es kann aber auch
geschluckt werden. Zu den selteneren Konsumformen zählen das Spritzen
und das Rauchen.
„Doping“ für’s Hirn
Die Wirkung von Amphetaminen beruht im Wesentlichen auf die Freisetzung des Hirnbotenstoffs Dopamin
und greift damit in das Belohnungszentrum des Gehirns ein. Bei
niedriger Dosierung stellen sich Gefühle entspannter Aufmerksamkeit und
Stärke ein. Konsumentinnen und Konsumenten erleben oft ein gesteigertes
Selbstvertrauen, überschätzen aber meist ihre körperliche und geistige
Leistungsfähigkeit. Körperliche Wirkungen machen sich vor allem durch
eine Erweiterung der Bronchien, dem Anstieg der Pulsfrequenz, des
Blutdrucks sowie der Körpertemperatur bemerkbar. Hunger und
Durstgefühle sowie Müdigkeit werden hingegen unterdrückt.
Ausbeutung der Energiereserven
Der
Körper wird durch Amphetamine kurzfristig auf eine erhöhte
Leistungsfähigkeit eingestellt. Diese Eigenschaft macht die Amphetamine
als Dopingmittel für Leistungssporttreibende so interessant.
Amphetamine führen dem Körper allerdings keine Energie zu. Vielmehr
wirken sie wie eine Peitsche auf ein müdes Pferd, indem sie die
Energiereserven des Körpers ausbeuten. Besonders riskant ist es, wenn
Konsumierende „nachlegen“, also die Dosis erhöhen. Dabei kann es zu
Erregungszuständen kommen, angefangen von Zittern und extremer
Nervosität bis hin zu Muskelkrämpfen. Wer sich zudem stark anstrengt,
sei es durch Sport oder beispielsweise durch ausdauerndes Tanzen,
riskiert eine gefährliche Erhöhung der Körpertemperatur, die zu einem
Hitzestau und einem nachfolgendem Kreislaufkollaps führen kann. Im
Extremfall kann dies - wie das Beispiel Tom Simpson zeigt - mitunter
tödlich enden.
Aufgrund der hohen Belastung für das
Herz-Kreislaufsystem ist auch die Gefahr für Schlaganfälle und
Herzinfarkte hoch. So konnte in einer US-amerikanischen Studie
aufgrund einer Analyse von mehr als 8.300 Schlaganfallpatientinnen und
-patienten aufgedeckt werden, dass in der Altersklasse der 18- bis
44-Jährigen vor allem der Konsum von Amphetamin, aber auch Kokain ein
Risiko für Schlaganfälle ist. Dabei kommt es zu einem Riss in den
Gefäßen, mit der Folge, dass Blut in das umliegende Hirngewebe
eintritt. Konsumierende haben im Vergleich zu abstinenten Personen ein
5-fach erhöhtes Risiko für diese Art von Schlaganfall. Die
gefäßschädigende Wirkung beschränkt sich aber nicht nur auf das Gehirn.
In Fallstudien
wurde berichtet, dass auch die Halsschlagader, die das Gehirn mit Blut
versorgt, Risse bekommen kann, was lebensbedrohliche Folgen nach sich
zieht.
Das Risiko Herzinfarkt ist generell mit dem Konsum von
Stimulanzien verbunden. 2008 hatten Wissenschaftler die Daten von über
3 Millionen Patientinnen und Patienten ausgewertet, die zwischen 2000
und 2003 im US-Bundesstaat Texas in ein Krankenhaus eingeliefert wurden.
Auf der Grundlage der Diagnosen haben die Forscher ausgerechnet, dass
das Herzinfarktrisiko bei Amphetaminkonsum um 61 Prozent höher ist als
bei Abstinenz.
Psychose
Schon seit den 1930er Jahren ist
bekannt, dass sich besonders bei hohen Dosen eine Psychose entwickeln
kann. Diese ist meist durch paranoide Wahnvorstellungen und
Halluzinationen geprägt, wodurch starke Angstzustände ausgelöst werden
können.
Hirnschäden
Besonders bei häufigem und
hochdosiertem Konsum von Amphetaminen ist mit bleibenden Hirnschäden zu
rechnen. Vor allem Methamphetamin gilt als besonders neurotoxisch, also
giftig für Nervenzellen. Tierexperimentelle Untersuchungen konnte
nachweisen, dass Methamphetamin schon bei durchaus typischen
Dosierungen Nervenzellen schädigt. Dementsprechend ausgeprägt sind auch
die kognitiven Defizite wie Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme bei
Langzeitkonsumentinnen und -konsumenten. In einer Studie zum
Arbeitsgedächtnis konnte nachgewiesen werden, dass die Konsumentinnen
und Konsumenten bei bestimmten Aufgaben bis zu 30 Prozent länger
brauchten als Personen, die noch nie Methamphetamin konsumiert haben.
Abhängigkeit
Es
sind erster Linie das gesteigerte Selbstwertgefühl sowie das Gefühl
geistiger Klarheit und Leistungsfähigkeit, die die Droge so attraktiv
machen - zumindest für Personen, die besonders empfänglich hierfür
sind, weil sie das Gefühl haben, dass es ihnen an diesen Eigenschaften
mangelt. Hinzu kommt der Effekt, der als Toleranzentwicklung bezeichnet
wird. Konsumierende müssen bei wiederholtem Konsum immer mehr
Amphetamine zu sich nehmen, da sie für die psychoaktiven Wirkungen
zunehmend unempfindlich werden, sprich: eine Toleranz entwickeln. Dabei
kann sich eine starke psychische Abhängigkeit ausbilden, die eine
intensive psychotherapeutische Behandlung bedarf.
Info: 
Mai 2009